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Digitale Gewalt gegen Frauen: Angriff auf Demokratie und Journalismus

  • Brigitte Quint
  • 1. März
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Juli


Februar 2026, Brigitte Quint


Hass. Drohungen. Einschüchterung. Digitale Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das auch den Journalismus zunehmend betrifft. Am Donnerstag, dem 5. März, lud das Europäische Parlament in Brüssel Journalistinnen und Journalisten zu einem Seminar über „Digital Violence against Women“ ein.


Unter den Teilnehmenden waren auch mehrere Mitglieder der Association of European Journalists (AEJ) aus Griechenland, Bulgarien, Rumänien, der Slowakei und Österreich. Für Österreich nahm die Journalistin Brigitte Quint teil.


Debatte, Daten und Deepfakes

Den formellen Auftakt bildete am Donnerstagvormittag die Sitzung eines interparlamentarischen Ausschusses zum Internationalen Frauentag 2026. 


Zu den Hauptrednerinnen zählten Lina Gálvez, Vorsitzende des Ausschusses für Frauenrechte und Gleichstellung, Hadja Lahbib, EU-Kommissarin für Gleichstellung, Krisenvorsorge und Krisenmanagement, sowie Florence Raes,Direktorin des UN-Women-Verbindungsbüros in Brüssel.


Als Gastrednerinnen sprachen unter anderem Natalia Waloch, Journalistin der polnischen Gazeta Wyborcza und des Magazins Wysokie Obcasy, die georgische Parlamentsabgeordnete Anna Natsvlishvili, die Medienforscherin Silvia Semenzinvon der Universitat Oberta de Catalunya, Julie Guichard, Digital Safety Government Affairs Manager bei Microsoft, sowie Carlien Scheele, Direktorin des European Institute for Gender Equality (EIGE).


Die abschließenden Stellungnahmen hielten Josie Christodoulou, Commissioner for Gender Equality, und erneut Lina Gálvez.


Hass, der sich digital vervielfacht

Im Zentrum der Debatte stand digitale Gewalt gegen Frauen und Mädchen, ein Phänomen, das durch soziale Netzwerke, Plattformen und künstliche Intelligenz neue Dimensionen erreicht.


„Technologie ist nicht die Ursache des Problems, aber sie skaliert es“, warnte Silvia Semenzin.


Besonders alarmierend sei die Entwicklung bei Deepfakes:Rund 96 Prozent aller Deepfake-Inhalte sind pornografisch, und 99 Prozent der Betroffenen sind Frauen oder Mädchen.


Plattformen unter Druck



Auch die großen Technologieunternehmen stehen zunehmend in der Verantwortung. Julie Guichard von Microsoft betonte, dass sich einmal veröffentlichte Bilder rasend schnell verbreiten können.


„Sobald ein Bild online ist, kann es sich im gesamten Internet verbreiten.“


Microsoft arbeite daher mit digitalen Fingerabdrücken und Kooperationen mit NGOs. Wird ein problematisches Bild gemeldet, erhält es einen digitalen Hashwert, der mit Partnerorganisationen geteilt wird. Dadurch könne verhindert werden, dass identische Inhalte erneut hochgeladen werden.


Für Carlien Scheele vom European Institute for Gender Equality ist klar: Digitale Gewalt existiert nicht im luftleeren Raum.

„Sie stützt sich auf bestehende Stereotype und Machtverhältnisse.“


Die Folgen sind real: Frauen löschen Accounts, wechseln Telefonnummern oder ziehen sich ganz aus öffentlichen Debatten zurück. Manche ändern sogar ihren Arbeitsplatz, Studienort oder Wohnort.


Politischer Appell aus dem Europäischen Parlament

Auch aus dem Europäischen Parlament kam ein klarer Appell.

„Wir sind keine Minderheit, wir sind die Mehrheit“, betonte Lina Gálvez.

In der Europäischen Union leben rund zehn Millionen Frauen mehr als Männer. Dennoch seien Frauen im öffentlichen Raum weiterhin deutlich häufiger Ziel von digitaler Gewalt.


Wenn Journalistinnen zur Zielscheibe werden

Wie sich diese Entwicklungen konkret auf den journalistischen Alltag auswirken, war Thema des anschließenden Seminars „Digital Violence against Women“.


Besonders im Fokus standen Journalistinnen, die zunehmend Ziel koordinierter Onlinekampagnen werden.


Hasspostings, Drohungen und Einschüchterungen gehören für viele von ihnen inzwischen zum beruflichen Risiko.


Wenn Hass Frauen aus der Politik drängt

Ein Schwerpunkt des Seminars lag zudem auf digitaler Gewalt gegen Politikerinnen.


Die ehemalige slowakische Präsidentin Zuzana Čaputová, die per Video zugeschaltet war, berichtete von eigenen Erfahrungen mit Online-Hass – und davon, dass auch ihre Töchter zur Zielscheibe von Angriffen wurden.


Die Botschaft vieler Täter sei klar:„Sei still, sei klein, bleib draußen.“


Wenn junge Frauen sehen, welche Angriffe Politikerinnen im Netz erleben, entscheiden sich viele bewusst gegen eine politische Karriere. Damit wird digitale Gewalt zu einem Problem für die demokratische Teilhabe.


Plattformen und Regulierung

Die finnische Europaabgeordnete Sirpa Pietikäinen verwies darauf, dass klassische Medien strengen Regeln unterliegen. Für Social-Media-Plattformen fehlten solche Standards jedoch oft noch.


Ohne klare Regulierung und konsequente Umsetzung europäischer Digitalgesetze werde sich digitale Gewalt kaum eindämmen lassen.


Der Portugiese Carlos Farinha, Präsident der Kommission zum Schutz von Kriminalitätsopfern, betonte, dass digitale Gewalt kein Konflikt zwischen Männern und Frauen sei, sondern ein gesellschaftliches und kulturelles Problem, das entsprechend umfassend bekämpft werden müsse.


Wenn Reichweite toxisch wird

Sehr persönliche Einblicke gab die spanische Influencerin Raissa Sali. Weil sie sich zwischen verschiedenen Communities bewegt, wird sie aus unterschiedlichen Richtungen angefeindet.


Besonders kritisch sieht sie TikTok, das sie als das „toxischste“ der großen sozialen Netzwerke bezeichnet. Trotz größerer Reichweite verließ sie die Plattform schließlich, weil die Angriffe zu massiv wurden.


Neue Herausforderungen durch digitale Radikalisierung

Mehrere Beiträge verwiesen zudem auf ein wachsendes Problem: die Radikalisierung junger Männer im Internet.


Studien zeigen, dass ein Teil der Generation Z zunehmend frauenfeindliche Narrative übernimmt. In Online-Subkulturen verbreiten sich entsprechende Ideologien schnell und erreichen oft schon sehr junge Nutzerinnen und Nutzer.


Bereits Mädchen im Alter von neun Jahren können im Netz Ziel von sexueller Belästigung oder digitaler Gewalt werden.


Wenn Drohungen Trauma auslösen

Den Abschluss bildete die Keynote der österreichischen Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig, die ihr Buch „Frauen als Feindbild“ vorstellte.


Sie machte deutlich, dass Online-Hass häufig sexualisierte Drohungen enthält. Diese werden oft indirekt formuliert, haben für Betroffene jedoch dieselbe Wirkung wie offene Gewaltandrohungen.


Für viele Frauen sind solche Botschaften besonders belastend, weil sie an reale Erfahrungen anknüpfen. Eine Betroffene berichtete, dass Online-Drohungen bei ihr noch Jahre nach einer Vergewaltigung starke körperliche Stressreaktionen auslösen.


Digitale Gewalt zwinge viele Frauen daher, traumatische Erfahrungen immer wieder neu zu durchleben.


Ein Angriff auf die Demokratie

Studien zeigen außerdem, dass Frauen nach Hasskampagnen deutlich häufiger vorsichtiger werden oder sich aus öffentlichen Debatten zurückziehen.Damit geht es längst nicht mehr nur um individuelle Betroffenheit. Wenn Stimmen systematisch eingeschüchtert werden, verändert sich der öffentliche Diskurs selbst.


Die zentrale Erkenntnis des Seminars lautet daher:


Digitale Gewalt gegen Frauen ist kein Randproblem des Internets.Sie ist ein strukturelles gesellschaftliches Problem – und eine Herausforderung für die Demokratie.


Oder, wie es Lina Gálvez formulierte:

„Wir sind keine Minderheit. Wir sind die Mehrheit.“

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